Was darf man als Fotograf zeigen? – Eine Reflexion über das „Sichtbar-Machen“ mit Bildern

Im Moment halte ich bei Facebook eine kleine Rückschau der letzten Jahre meiner Fotografie. Gerade jetzt zum Jahresende 2020 und dem zweiten Lockdown ist etwas Zeit zur Reflexion. Beim Sichten meines Archivs bin ich auf eine alte Porträt-Serie aus dem Jahr 2012 gestoßen. Sie zeigt einen Obdachlosen, den ich damals in Köln am Hauptbahnhof auf der Domplatte fotografiert hatte. Folgenden Post habe dazu veröffentlicht:

„2012: Als ich vom Köln Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt ging, kreuzte ein Mann im Rollstuhl meinen Weg, der um eine kleine Spende bat. Ich ging zunächst an ihm vorbei, doch etwas faszinierte mich an ihm. Er strahle trotz seiner bescheidenen Lage eine gewisse Zufriedenheit und Heiterkeit aus. Dies zog mich derartig in den Bann, dass ich gerne ein Portrait vom ihm machen wollte. Doch es gab eine gewisse Hemmung: „Darf ich das? Ist das nicht voyeuristisch?“. Ich nahm schließlich meinen Mut zusammen und macht einige Aufnahmen aus der Ferne. Als ich ihm die Bilder hinterher zeigte und noch um ein Portrait bat, versuchte ich mich mit Händen und Füßen irgendwie zu verständigen um herauszufinden, ob er damit einverstanden sei. In seiner Miene konnte ich dann seine Zustimmung erkennen. Heute bin ich froh, dass ich mich überwunden habe, die Aufnahmen zu machen und die Ausstrahlung dieses Mannes einfangen konnte. Meine Motivation war es nicht das Elend zu zeigen, sondern viel mehr die Würde dieses Mannes, die er ausstrahlte. Selbst heute nach 8 Jahren, kostet es mich gewisse eine Überwindung diese Bilder zu zeigen, immer mit der Frage im Hinterkopf: „Darf man das zeigen?“PS: Natürlich habe ich ihm hinterher auch etwas in seinen Becher getan.“

Die Frage: „Darf man das zeigen?“ am Ende Posts hat mich weiter beschäftigt und ist der Ausgangspunkt für eine etwas tiefere Reflexion in diesem Blogbeitrag. Die folgenden Zeilen stellen lediglich meine freien Gedanken dar und haben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit.

Nun, in der heutigen Zeit, in der alles gezeigt und sichtbar gemacht wird durch Social Media und mittlerweile jedes Smartphone technisch sehr gute Fotos machen kann und wir nahezu unbegrenzten Speicherplatz zur Verfügung haben, stehen wir an einem Punkt, wo an einem einzigen Tag mehr Fotos gemacht werden als in den 100 letzten Jahren insgesamt. Das ist die sprichwörtliche „Bilderflut“. Es wird fotografiert, geteilt und sichtbar gemacht, was geht. Die Grenzen was gezeigt wird verschieben sich weiter und sind ein „dehnbarer“ Begriff. Es stellt sich die Frage: „Gibt es überhaupt eine Grenze?“ und „Was darf man zeigen?“ – „Was sollte man nicht zeigen?“ und schließlich für uns Fotografen „Was müssen wir zeigen?“.

Die Macht von Bildern liegt eindeutig darin, dass sie etwas sichtbar machen können, denn wir denken in Bildern und träumen in Bildern. Bilder sind nicht umsonst ein zentrales Werkzeug in der Werbung. Sogar in der Sprache heißt es: „Sich ein Bild von etwas machen.“

Ich selbst betrachte mich als Porträtfotograf und will mit meinen Fotos den Menschen ein Gesicht geben. Dies war auch meine Motivation hinter meinem Projekt „trans*ition“, über das ich hier zuvor auch schon geschrieben hatte.

In der damaligen Situation hatte ich eine gewisse Hemmung den Mann in seiner doch misslichen Lage zu fotografieren. Doch seine Ausstrahlung von Würde zog mich in seinen Bann und war es schließlich, was mich dazu veranlasste die Fotos zu machen. Das Fotografieren und „Festhalten“ ist die eine Sache, doch diese Fotos dann zu veröffentlichen, also das „Sichtbar-machen“ eine andere.

Meine Intention war nicht die missliche Lage zu skizzieren oder zur Schau zu stellen, doch viel mehr die Würde zu zeigen, die er ausstrahlte trotz dieser Lage.

Wir Fotografen, insbesondere jene die in der Werbung, Mode und Beauty etc. arbeiten, zeichnen ein Bild vom Menschen, der zum Standard wird. Ja auch wenn nicht zum bewussten Standard, sondern zum unterbewussten Standard. Aber wir tragen dazu bei. Es geht mir nicht darum, einen Schuldigen zu suchen oder mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, denn letztlich führen die Fotografen die Aufträge ihrer Kunden aus und verdienen damit ihr Geld. Denn schließlich muss das Geld reinkommen. Und trotzdem tragen wir Fotografen eine Verantwortung mit dem was wir „sichtbar machen“. Damit komme ich auch zu dem Entschluss, dass es gerade auch wichtig ist, solche misslichen Lagen sichtbar zu machen, ohne dabei die Würde des Portraitieren zu verletzen. Denn sie bilden einen Kontrast, ein Gegengewicht zu jenen „perfekten Abbilder“ des Menschen.

Neben dieser allgemeinen Verantwortung, gibt es natürlich die ganz persönliche Reflexion: „Was will ich sichtbar machen?“ Mit Hinblick auf Social Media ist diese Frage von noch größerer Tragweite für den persönlichen Alltag.

Aus dem Sichtbar-Machen ergeben sich für mich 3 Hauptfragen:

  1. Was ist die Grenze des Sichtbar-Machens? Wo fängt Voyeurismus an? Wo überschreite ich ethische und persönliche Grenzen?
  2. Welches Gesamtbild zeichne ich z.B. vom Menschen, wenn ich immer nur perfekte Menschen sichtbar mache?
  3. Was will ich persönlich von mir als Person sichtbar machen mit Hinblicke auf Social Media?

Um auf mein obiges Beispiel zurück zu kommen, könnte ich wie folgt überlegen: Zeige ich den Mann in seiner misslichen Lage nicht, weil ich seine persönliche Grenze nicht überschreiten will oder ist es gerade meine Pflicht als Fotograf dieses sichtbar zu machen, um damit auf etwas aufmerksam zu machen? Sicherlich spielt bei dieser Betrachtung die Motivation des Fotografen eine Rolle. In meinem Fall war es, dass ich die Würde dieses Mannes sichtbar machen wollte. Dennoch steht die obige Abwägung für mich im Raum.

Letztlich ist es eine Ermessenssache und liegt im Auge des Betrachters. Aber ich halte es für wertvoll und wichtig, sich einmal mit dieser Frage auseinanderzusetzen und statt „blind drauf zu halten“ einmal zu Reflektieren. „Was will ich zeigen? Was muss ich zeigen? Was darf ich zeigen? Welches Bild will ich zeichnen?“.

An dieser Stelle möchte ich meine Reflexion zunächst mit einem Porträt des Mannes, der Anlass zu diesen Gedanken war, abschließen.

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